gruene.at
Navigation:

Interview mit Dr. Alexander Rabitsch

Dr. Alexander Rabitsch

Tierarzt, langjähriger Tiertransportkontrolleur für Kärnten,
Vortragender zu Tierschutzthemen in zahlreichen EU-Staaten

Der Fall eines regionalen Schweinemast- und Schlachtbetriebes beschäftigt derzeit in Kärnten Behörden und Medien. Der VGT hat aufgedeckt, dass es dort mutmaßlich zu Tierquälereien und Vernachlässigung gekommen ist.  Wo sehen Sie hier ein Versagen? Bei den Behörden? Beim Eigentümer?

RABITSCH: Tierquälerei ist eine Kulturschande für uns Menschen. Der Vorfall zeigt, wie vielschichtig das Problem ist. Es gab ganz offensichtlich zu wenig Kontrollen. Auch der Eigentümer hat zu wenig auf das Wohl seiner Tiere geachtet. Er hat die Verantwortung, Bescheid zu wissen, wie es seinen Tieren geht.

Bewerten Sie den Vorfall als Einzelfall?

RABITSCH: Nein, sicher nicht. Alle paar Jahre, oder sogar Monate, poppt so etwas auf. Erst dieser Tage gab es zum Beispiel ein Urteil in dem Fall eines Bauern, der seine Rinder hungern hat lassen, sie völlig vernachlässigt hat. Mit dem Finger auf alle Landwirte zu zeigen ist aber falsch. Man muss die schwarzen Schafe finden und dort den Tieren helfen - und dazu muss man gesetzlich definieren, was den Tieren zumutbar ist, und darauf achten, dass das dann auch eingehalten wird.

Wie soll man dabei vorgehen? Sind mehr Kontrollen nötig?

RABITSCH: Wir haben ein gutes Tierschutzgesetz. Dieses muss in einigen Punkten nachgebessert werden – zum Beispiel ist es kontraproduktiv, dass den kleinen, seriösen Tierschutzvereinen die Tiervermittlung schwergemacht wird, obwohl man eigentlich den illegalen Welpenhandel damit stoppen wollte. Und ja, es braucht eine andere Form der Kontrolle. Ein Kontrolleur, der einen Stall besucht, gewinnt immer nur einen punktuellen Eindruck.

Wir brauchen eine Verlaufskontrolle, die bei den Nutztierhaltern beginnt. Jedermann und jederfrau muss verstehen, dass Tierquälerei kein Kavaliersdelikt ist, da muss es einen gesellschaftlichen Aufschrei geben. Die Sichtweisen ändern sich ja, vor 30 Jahren gab es noch viel mehr dunkle, feuchte Ställe mit schlechter Luftqualität, die heutigen modernen sind wesentlich tierfreundlicher. Jetzt müssen wir schauen, dass alle Tierbetriebsinhaber da mitgehen, denn sie haben die Letztverantwortung über ihre Tiere.

Wie kann die Politik diesen Prozess unterstützen und beschleunigen?

RABITSCH: Landesrat Benger will das Problem mit Kursen in – ich zitiere - „Fleischverarbeitung“ lösen, das Interesse der Landwirtschaftsverwaltung gilt der Frage: Wie billig kann produziert werden? Ich sage: Das Land Kärnten braucht eine Tierschutzstrategie. Wir müssen festlegen, welche Tierschutzstandards wir wann erreichen wollen. Das kann sein: 2020 wollen wir in 20 Prozent unserer Ställe eine definierte besonders tierfreundliche Haltung, und in 5 Jahren wollen wir, dass es 30 Prozent sind. Dann kann man Maßnahmen setzen. Best Practice-Betriebe gehören vor den Vorhang. Die KonsumentInnen müssen wissen, was sie kaufen.

Wie sieht „Best Practice“ in der Tierhaltung aus?

RABITSCH: Ganz einfach: Wo Tiere mehr haben als das gesetzliche Mindestmaß. Und „bio“ ist in der Tierhaltung meines Erachtens besser als konventionell. Es gibt die 5 Freiheiten bei der Tierhaltung: Freier Zugang zu Wasser und Nahrung, ein angemessenes Lebensumfeld inklusive Unterkunft und Ruheplatz, das Freisein von Schmerz, Angst und Leid, das Freisein von Krankheit und damit verbunden eine angemessene medizinische Versorgung und das freie Ausleben von normalen Verhaltensweisen.

Aber als KonsumentIn hat man nicht wirklich eine Kontrolle, ob das alles eingehalten wird.

RABITSCH: Meiner Erfahrung nach am ehesten bei Demeterbetrieben und Kleinbetrieben, wo die Tiere noch Namen haben.

Wie kann die Situation für die Konsumentin/den Konsumenten transparenter gemacht werden?

RABITSCH: Tierschutz muss als Qualitätskriterium gelten. Wir brauchen – auch im Wirtshaus – aussagekräftige Tierhaltungsgütesiegel oder ein Ampelsystem mit Rot als Kennzeichnung für die Erfüllung gesetzlicher Mindestanforderungen, Gelb als besser und Grün als höchstes Tierschutzniveau.  Der Handel muss auch aufhören, Preisdruck durch Billigfleisch-Aktionen zu machen. Der Wettbewerb kann ja über Lockangebote von billigen Zwiebeln oder Waschpulver geführt werden, nicht aber über Produkte vom Tier. Wo das Fleisch keinen Preis mehr hat, verliert das Tier seinen Wert.

Damit entsprechende Gesetze kommen, dafür ist der Aufschrei der Gesellschaft sehr wichtig. Aber die ist sehr gespalten. Wenn man fragt, lehnen alle Qualfleisch ab. Aber im Geschäft wird dann doch nach Preis entschieden, und bis 2030 wird laut Prognosen der weltweite Fleischkonsum mit all seinen Problemen weiter ansteigen. Probleme werden auch gern exportiert. Europa verbietet zum Beispiel die Hühnerhaltung in Käfigen, fördert aber zugleich die Käfighaltung in Drittstaaten.

Ein anderes Problem ist, dass die EU beim Tierschutz endlich aktiv werden muss. Aus der EU werden massiv Tiere exportiert – wer gewährleistet ihr Wohlergehen? Niemand. Es geht nicht. Wir haben 1 Million Unterschriften EU-weit für die Begrenzung der Tier-Transportzeit auf 8 Stunden gesammelt, aber die Kommission unter Juncker ignoriert das. Wir haben Verordnungen und Richtlinien, aber diese werden oft nicht umgesetzt.

Was kann man auf Landesebene tun? Regional einzukaufen war für viele KonsumentInnen bisher die Lösung. Nach dem jüngsten Skandal sind sie verunsichert.

RABITSCH: Grundsätzlich ist „bio“ und „regional“ besser als konventionell und von weit her. Wichtig ist Bewusstseinsbildung. In den Schulen, bei Fortbildungen, in den Medien – Tierleid muss thematisiert werden. Wir brauchen auch mehr Information über weitere negative Folgen des Fleischkonsums: Güllebelastung, Ressourcenverbrauch und Importe von gentechnisch verändertem Futter, Chemikalien- und Medikamentenbelastung. Wir brauchen, wie oben schon erklärt, eine Kärntner Tierschutzstrategie – und wir brauchen wirksame Kontrollen.

Bezüglich der Kontrollen klagen Tierärzte über mangelnden Rückhalt für ihre Arbeit.

RABITSCH: Das Einbetten von Kontrollen in die Behördenstruktur muss so erfolgen, dass sie nicht von oben konterkariert werden. Da geht es um die Einhaltung von Gesetzen! Fleischuntersuchungstierärzte haben oft nicht den nötigen Rückhalt bei der Umsetzung gesetzlicher Maßnahmen. Dazu kommt, dass das amtstierärztliche Personal in Kärnten sehr ausgedünnt ist – die gleiche Arbeitsfülle muss von Wenigen getan werden. Es wäre möglich, die Kontrollen an externe, zertifizierte Firmen auszulagern. Ein großes Handelsunternehmen in Deutschland macht das bereits, und es funktioniert nicht schlecht.

Auch im österreichischen Parlament brauchen wir jemanden, der sich exklusiv mit Tierschutzthemen beschäftigt. Der Nutztierschutz gehört auch nicht mit der Landwirtschaft gekoppelt, sondern mit der Gesundheit. Im Bund und in 3 Bundesländern wurde diese Notwendigkeit bereits erkannt, dass agrarische Interessen nicht die Qualität der Tierschutzüberwachung beeinträchtigen dürfen. Schließlich geht es beim Tierwohl immerhin auch um die Qualität der Lebensmittelproduktion.​